Über Alex

Im Grunde ein ganz netter Kerl, sagt man, aber oft genervt von Menschen und ihrem Verhalten. Für seine 41 Jahre schon ein sehr routinierter Nörgler und Rechthaber.

Strandgeflüster

strand_kleinWas ich neulich ungewollt erfahren habe, als sich am sehr breiten und sehr leeren Strand eine Familie direkt auf Handtuchbreite neben uns legte und dann noch auf ihre älteren Bekannten traf:

Er heißt Karsten, seine Tochter Finja, sie leben in Berlin, seine Frau wird im Sommer 35, Karsten freut sich auf die EM und wird oft zum Public Viewing gehen, bei der Olympiade (sic!) weiß er aber nicht, ob das bei dem Austragungsort so ein tolles Ereignis wird, hier im Urlaub gehen sie gerne bei Pepe essen, aber Pepe selber macht ja nicht mehr viel und ist nur ganz selten da, das merkt man auch, die Kartoffeln waren neulich aufgewärmt, ganz hart außen, das merkt man ja sofort, wenn Kartoffeln aufgewärmt werden, das Essen hier ist gar nicht so billig, da kommen in zwei Wochen locker noch mal 500 Euro obendrauf. Uwe wird im Sommer 70, aber er feiert das nicht groß, er braucht das nicht mehr, im Mittelpunkt zu stehen, das wird Karsten auch noch merken, dass Geburtstage mit dem Alter unwichtiger werden, sie sind jetzt noch eine Woche da, fliegen dann kurz nach Hause, kommen eine Woche später aber wieder hierher zurück, am gleichen Tag übrigens, an dem Karsten mit seiner Familie weg fliegt, sie müssen den Mietwagen um 16 Uhr abgeben, hat Karsten schon mal ausgerechnet, vielleicht sehen sie Uwe und seine Frau dann noch am Flughafen, die beiden haben ansonsten schon das Jahr durchgeplant, als nächstes fahren sie mit ihren Schweizer Bekannten in den Urlaub und dann im Herbst noch mal auf die Kanaren, jaha, Rentner müsste man sein, hahaha, aber zur Geburtstagsfeier von Karstens Frau können sie leider nicht nach Berlin kommen, naja, kann man nichts machen, macht’s gut, wir sehen uns später, vielleicht heute Abend bei Pepe.

Generation Paketshop

Keine Ahnung, ob Trendforscher noch von den Generation Y und Z sprechen oder ob wir bereits wieder bei A oder B angelangt sind. Ich fühle mich ohnehin einer ganz anderen Generation zugehörig – der Generation Paketshop!

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Die drei Pakete oben im Bild habe ich heute abgeholt. Naja, sagen wir lieber, abgehetzt, schnell nach Feierabend. Das schmale Päckchen ganz oben lag in der Packstation, die an der Tankstelle auf meinem Heimweg liegt, das war cool. Die beiden Pakete darunter hätten dort eigentlich auch liegen sollen, wurden aber an einen Lottoladen am anderen Ende des Stadtteils umgeleitet. Und morgen früh muss ich noch zu einem asiatischen Lebensmittelmarkt, den ein anderer Paketdienst als Abholstation für seine Pakete auserkoren hat – er liegt irgendwo in der Mitte zwischen Packstation und Lottoladen.

Jetzt sitze ich hier mit meinen drei von vier Paketen und frage mich: Sind wir alle noch ganz sauber? Wir begeistern uns am bequemen und schnellen Einkaufen über Amazon, Zalando und anderen, um dann die ganze gesparte Zeit damit zu verbringen, unseren gelieferten Einkäufen quer durchs Stadtgebiet hinterherzurennen. Das ist doch irre!

Ich kann nicht glauben, dass es da keine besseren Lösungen geben soll. Falls ihr welche wisst, könnt ihr mir gerne schreiben, ich leite sie dann an die Paketdienste weiter. Vielleicht schicke ich sie denen an die Packstation. Oder an den Lottoladen. Oder zum Asiaten.

Wir sind Misanthropen – und wir mögen Menschen

Mir ist eben aufgefallen, dass Jana und ich diesen Blog schon vor vier Jahren gegründet und seitdem mit der beachtlichen Quote von 2,75 Beiträgen pro Jahr bestückt haben – aber noch immer den klassischen „Über diesen Blog“-Beitrag schuldig sind. Ich weiß gar nicht, ob das gesetzlich erlaubt ist. Jedenfalls müssen wir das dringend ändern, jetzt und hier.

Ein sehr schlauer und sehr kritischer Kollege sagte heute zu mir: „Ich habe deinen Blog gelesen; du glaubst doch selber nicht an das Gute im Menschen.“ Das ist ein Missverständnis, und ich fürchte, Jana und ich haben es mit der Wahl der Domain selber verursacht.

Die Sache ist die: Jana und ich sind Misanthropen – aber wir mögen Menschen. Wir mögen Menschen, die solidarisch sind, die warmherzig sind, die Empathie haben, die mitdenken und die an sich selber die gleichen Maßstäbe anlegen, die sie von anderen verlangen. Was uns fertig macht und in diesem Blog seine Entladung findet, das sind eben die anderen. Die Rücksichtslosen, die Gedankenlosen, die Arschgeigen. Die, die an der Autoschlange links vorbei fahren und vorne wieder einscheren wollen, weil sie sich für schlauer als die anderen halten. Die, die dir an der Supermarktkasse den Einkaufswagen in die Hacken schieben, weil sie noch schnell die Kasse wechseln wollen. Die Paare, die sich am Bierstand im Stadion auf zwei verschiedene Schlangen aufteilen, damit sie sich eventuell noch eine milliliterkurze Zapfhahnphase schneller voran schieben können.

Allen anderen möchten wir sagen: Doch, echt, wir mögen Menschen. Und wisst ihr was? Einige unserer besten Freunde sind Menschen!

I wish we all could be California guys

(Empfohlende Hintergrundmusik beim Lesen)

Drei Wochen am Stück sind mir keine Menschen auf den Zeiger gegangen. Niemand, keiner, nicht ein einziger. Wie kann das angehen?

Es muss an den Menschen liegen, denen ich begegnet bin, an den Menschen in Kalifornien. An Menschen, die grüßen, wenn Sie einem Fremden begegnen und vielleicht noch ein paar nette Worte über das Wetter sagen. An Menschen, die an der Kasse im Supermarkt nicht hektisch die Schlange wechseln, um einen kleinen Vorteil zu haben, sondern andere vorlassen. An Menschen, die es an den genialen 4-Way-Stop-Kreuzungen tatsächlich schaffen, das Vorfahrtsrecht untereinander zu regeln. Kurzum: An freundlichen, rücksichtsvollen, entspannten Menschen.

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Mir ist klar, dass es auch in Kalifornien sehr viele sehr sehr böse Menschen gibt, viel Gewalt und Kriminalität. Aber das meine ich nicht; mir geht es um den normalen Umgang von normalen Leuten in normalen Situationen. In der Beziehung erscheinen mir die USA analog zu Frank McCourt tatsächlich als ein „rundherum tolles Land“.

Eine der ersten Beobachtungen, die ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland morgens beim Laufen gemacht habe, war, wie sich zwei Hundebesitzerinnen angekeift haben. In dem Moment habe ich in Anlehnung an den alten Beach-Boys-Song gedacht: „I wish we all could be California guys.“

„Jahhaaaa“, sagt der kritische Leser jetzt, „die Amis tun immer so freundlich, aber das ist doch alles total oberflächlich.“ Tja, kann sein, kann auch nicht sein. Aber ehrlich: Ich werde doch lieber oberflächlich freundlich behandelt – als mit total viel Tiefgang angemault.

 

Vier Leben und zwei Gesichter

Du kannst Spagat zwischen Menschen und Dingen
doch sie fressen dich

Es ist ein magischer Moment in der Hamburger Laieszhalle. Akustikkonzert von Axel Bosse, er singt sein Lied „Vier Leben“, ganz leise, ganz eindringlich. Es geht darum, wie wir immer versuchen, alles auf einmal zu machen. Davon, wie wir uns immer selbst überfordern und doch nichts gebacken kriegen. Davon, wie wir uns verzetteln und das Eigentliche nicht mehr sehen.

Du bist hier und überall, doch nie wirklich da, nur überall dabei

Die Fans in der Konzerthalle singen mit. Auch sie ganz eindringlich, aber nicht leise, sondern beeindruckend laut. Es wirkt wie: Wir verstehen dich, Bosse, wir kennen das ganz genau, wir erleben das ganz genauso wie du.

Ich gucke mich um. Viele von denen, die da singen, halten ihre Handys hoch und filmen mit. Sie singen also davon, dass wir uns auf den Moment besinnen sollten, und sie schaffen es selbst nicht mal während dieser drei Minuten siebenundfünfzig.

Ich fand es in dem Moment ein bisschen doof. Und vor allem ganz schön traurig.

Die kursiven Textstellen sind Zitate aus dem Lied „Vier Leben“ von Axel Bosse, erschienen auf dem Album „Kraniche“.

Kundentheater – ein Drama in einem Akt

Die Szene: Ein Zeitschriftenladen am Berliner Hauptbahnhof, morgens um kurz vor 10. Von rechts ins Bild kommt ein Kunde, Ende 30, mit einem Hochglanzmagazin in der Hand. Am linken Rand der Szene trifft er auf eine Kassiererin, so Mitte 50.

Kassiererin: 6,80 Euro, bitte!
Kunde reicht einen 50-Euro-Schein.
Kunde (entschuldigend): Ich habe es leider nicht anders.
Kassiererin gibt widerwillig das Wechselgeld.
Kassiererin (genervt): Hamse Glück gehabt. Kann auch passieren, dass ich sie wegschicke.
Kunde (irritiert): Wie, wegschicken?
Kassiererin: Na, wennse das nicht kleiner haben. Dann kann es sein, das ich Sie wegschicke.
Kunde (noch irritierter): Aber dann verkaufen Sie doch nichts?
Kassiererin (triumphierend): Und für Sie wird’s langweilig in der Bahn!
Kunde: Naja, schon, aber SIE wollen doch MIR etwas verkaufen?
Kassiererin: Nüscht will ich!
Kunde: ähh.
Kassiererin: Wissen Sie überhaupt, dass es ein Wechselgeldgesetz gibt? Da steht, dass das Wechselgeld in einem angemessenen Verhältnis zu….

Kunde geht wortlos nach rechts ab.

Jan-Delay-Imitate

Liebe Musikfreunde,

nein, es ist keineswegs originell, mit einem schief aufgesetzten Hut zum Jan-Delay-Konzert zu gehen. Und wenn ihr euch mal umgeschaut hättet, wäre euch das auch selber aufgefallen – weil nämlich geschätzte 2000 Menschen die gleiche lustige Idee hatten.

Das Keine-Ruhe-Abteil

Wenn ich mal richtig was erleben will, Halligalli und Party und volle Action, dann buche ich das Ruheabteil im ICE. Denn mal ehrlich: Nirgendwo sonst ist so viel los.

Das typische Ruheabteil hat immer, und zwar wirklich immer, folgende drei Typen von Fahrgästen an Bord:

1. Das Pärchen. Es tritt in verschiedenen Formen auf: mal zerstritten und kräftig diskutierend, mal verliebt und extrovertiert turtelnd.  Aber immer: laut.

2. Der Geschäftsmann. Sein Verhalten lässt sich gar nicht beschreiben, ohne dass es nach Klischees klingt, aber er erfüllt es trotzdem zu hundert Prozent. Teilt seine am Handy besprochenen Geschäftsgeheimnisse mit dem ganzen Abteil. Und zwar immer: laut.

3. Die Mutter mit dem schreienden Baby. Jajaschongutschongut: Kinder sind das tollste der Welt, unsere Zukunft, sichern unsere Rente, Eltern bekommen Kinder sowieso nur aus edlen Motiven und nie, weil sie es auch selbst ganz schön finden, uns sie verdienen natürlich unser ganzes Mitgefühl und sie haben es sowieso ganz doll schwer. Erstaunlicherweise scheinen sie sich von Ruheabteilen magisch angezogen zu fühlen, und natürlich ist ein schreiendes Kind kein Grund, es zu verlassen. Bitte Sie, das wäre ja kinderfeindlich. Also beschallen diese Familien den kompletten Wagon. Und zwar grundsätzlich: laut.

Leider kann ich diese Felduntersuchung der Ruheabteil-Typen seit kurzem nicht mehr weiterführen, weil ich meine Taktik geändert habe. Wenn ich wirklich mal Stille und Frieden brauche, dann buche ich jetzt immer das Handy-Abteil. Und das ist jetzt wirklich kein Scherz: Da ist es im Normalfall sehr viel ruhiger – als im Keine-Ruhe-Abteil.