Strandgeflüster

strand_kleinWas ich neulich ungewollt erfahren habe, als sich am sehr breiten und sehr leeren Strand eine Familie direkt auf Handtuchbreite neben uns legte und dann noch auf ihre älteren Bekannten traf:

Er heißt Karsten, seine Tochter Finja, sie leben in Berlin, seine Frau wird im Sommer 35, Karsten freut sich auf die EM und wird oft zum Public Viewing gehen, bei der Olympiade (sic!) weiß er aber nicht, ob das bei dem Austragungsort so ein tolles Ereignis wird, hier im Urlaub gehen sie gerne bei Pepe essen, aber Pepe selber macht ja nicht mehr viel und ist nur ganz selten da, das merkt man auch, die Kartoffeln waren neulich aufgewärmt, ganz hart außen, das merkt man ja sofort, wenn Kartoffeln aufgewärmt werden, das Essen hier ist gar nicht so billig, da kommen in zwei Wochen locker noch mal 500 Euro obendrauf. Uwe wird im Sommer 70, aber er feiert das nicht groß, er braucht das nicht mehr, im Mittelpunkt zu stehen, das wird Karsten auch noch merken, dass Geburtstage mit dem Alter unwichtiger werden, sie sind jetzt noch eine Woche da, fliegen dann kurz nach Hause, kommen eine Woche später aber wieder hierher zurück, am gleichen Tag übrigens, an dem Karsten mit seiner Familie weg fliegt, sie müssen den Mietwagen um 16 Uhr abgeben, hat Karsten schon mal ausgerechnet, vielleicht sehen sie Uwe und seine Frau dann noch am Flughafen, die beiden haben ansonsten schon das Jahr durchgeplant, als nächstes fahren sie mit ihren Schweizer Bekannten in den Urlaub und dann im Herbst noch mal auf die Kanaren, jaha, Rentner müsste man sein, hahaha, aber zur Geburtstagsfeier von Karstens Frau können sie leider nicht nach Berlin kommen, naja, kann man nichts machen, macht’s gut, wir sehen uns später, vielleicht heute Abend bei Pepe.

Auto-Aggression

Abends um neun, das ist Parkplatz-Großkampfzeit bei uns im Viertel. Wir sind mit einem Kleinwagen unterwegs, nichts aufregendes, aber für unseren dichtbesiedelten Stadtteil nicht das schlechteste Auto.

Plötzlich sehe ich einen jungen Typen mit Sporttasche über der Schulter. Er muss aus dem Fitnessstudio bei uns um die Ecke kommen, könnte ja sein, dass er in das Auto da vorne steigt und wir den Parkplatz nehmen können. Ich nehme Blickkontakt auf. Einmal. Nichts. Zweimal. Nichts. Dreimal. Er schaut mich an, er schaut meinen Kleinwagen an, er lächelt. Nicht nett, sondern süffisant, herablassend, überheblich. Dann dreht er den Kopf weg.

Der Kerl steigt jetzt in seinen Wagen, es ist ein BMW 3er Cabrio. Er lässt sich Zeit, obwohl er weiß, dass wir warten. Demonstriert lieber, was er für ein geiles Auto hat, und öffnet das Verdeck. Er fühlt sich großartig dabei, doch in Wahrheit macht er gerade den ersten Fehler. Der 3er trägt ein Blechdach, die Interessierten unter ihnen wissen das sicherlich, und es gibt wirklich kaum einen uncooleren Anblick als ein sich zusammenfaltendes Blech-Klappdach. Also, dachte ich jedenfalls, während ich weiter darauf wartete, dass der junge Mann endlich den Rückwärtsgang einlegt.

Aber doch, es geht schlimmer, denn jetzt macht Mr. Extremlässig den zweiten, für mich entscheidenden Fehler: Er fährt die Seitenscheiben hoch. Als Mann. Bei einem Cabrio. Mit geöffnetem Dach. Machen wir es kurz: Das ist lächerlich. Dach runter, aber Seitenscheiben hoch, das ist das automobile Einerseits/Anderseits, ein Ausdruck kompletter Unsicherheit, ein Zeichen des Rollen-Wirrwarrs zwischen Abenteurer und Angsthasen.

Der junge Typ ahnt davon nichts, als er davon fährt, er hält sich immer noch für was viel besseres und macht gedanklich den Heini da im roten Kleinwagen noch viel kleiner. Aber ich, ich lächele. Denn ich weiß, dass ich eben gegen ihn gewonnen habe.

 

Immer auf der Überholspur

Ja, du weißt es natürlich besser. Ein Mann wie du lässt sich nicht davon fertig machen, wenn es plötzlich nur noch eine Geradeaus-Spur gibt. Und auch nicht von dem Stau darauf, den es jetzt jeden Morgen gibt. Hinten anstellen, wie es gut erzogene Menschen tun? Das ist unter deinem Niveau! Nein, du kennst den Trick. Kaum fängt das Schneckentempo an, wirfst du dein Gewinnerlächeln an. Ziehst deinen schwarzen BMW auf Tempo 70 hoch, brichst auf die freie Linksabbiegerspur aus, zischst siegessicher an mir vorbei. Um dich an der Kreuzung wieder frech auf meine Spur zu drängeln. Ups, gar nicht bemerkt, dass es hier nicht mehr gerade aus weitergeht…. Grrr, jaja! Und ich lass dich seit Monaten auch noch großmütig rein – obwohl du dich nicht mal bedankst. Aber jetzt ist Schluss, Blödmann!

Rentner im ICE

Kurzer Livebericht aus dem ICE 109 Hamburg-Berlin:

Rentnerinnen-Gruppe hat das Kunststück fertig gebracht, die geschätzten zehn Bahnsteig-Durchsagen zu überhören, dass dieser Zug heute in umgekehrter Wagenreihenfolge unterwegs ist. Jetzt entern die Damen schimpfend Wagen 27 und beschweren sich, dass sie einmal durch den ICE laufen mussten. O-Ton: „Das ist mal wieder typisch Deutsche Bahn.“

Ich packe die kurz vor der Fahrt bei Saturn gekauften schalldichten In-Ear-Kopfhörer aus – die könnten sich in den nächsten anderthalb Stunden schon bezahlt machen.

Das Keine-Ruhe-Abteil

Wenn ich mal richtig was erleben will, Halligalli und Party und volle Action, dann buche ich das Ruheabteil im ICE. Denn mal ehrlich: Nirgendwo sonst ist so viel los.

Das typische Ruheabteil hat immer, und zwar wirklich immer, folgende drei Typen von Fahrgästen an Bord:

1. Das Pärchen. Es tritt in verschiedenen Formen auf: mal zerstritten und kräftig diskutierend, mal verliebt und extrovertiert turtelnd.  Aber immer: laut.

2. Der Geschäftsmann. Sein Verhalten lässt sich gar nicht beschreiben, ohne dass es nach Klischees klingt, aber er erfüllt es trotzdem zu hundert Prozent. Teilt seine am Handy besprochenen Geschäftsgeheimnisse mit dem ganzen Abteil. Und zwar immer: laut.

3. Die Mutter mit dem schreienden Baby. Jajaschongutschongut: Kinder sind das tollste der Welt, unsere Zukunft, sichern unsere Rente, Eltern bekommen Kinder sowieso nur aus edlen Motiven und nie, weil sie es auch selbst ganz schön finden, uns sie verdienen natürlich unser ganzes Mitgefühl und sie haben es sowieso ganz doll schwer. Erstaunlicherweise scheinen sie sich von Ruheabteilen magisch angezogen zu fühlen, und natürlich ist ein schreiendes Kind kein Grund, es zu verlassen. Bitte Sie, das wäre ja kinderfeindlich. Also beschallen diese Familien den kompletten Wagon. Und zwar grundsätzlich: laut.

Leider kann ich diese Felduntersuchung der Ruheabteil-Typen seit kurzem nicht mehr weiterführen, weil ich meine Taktik geändert habe. Wenn ich wirklich mal Stille und Frieden brauche, dann buche ich jetzt immer das Handy-Abteil. Und das ist jetzt wirklich kein Scherz: Da ist es im Normalfall sehr viel ruhiger – als im Keine-Ruhe-Abteil.