I wish we all could be California guys

(Empfohlende Hintergrundmusik beim Lesen)

Drei Wochen am Stück sind mir keine Menschen auf den Zeiger gegangen. Niemand, keiner, nicht ein einziger. Wie kann das angehen?

Es muss an den Menschen liegen, denen ich begegnet bin, an den Menschen in Kalifornien. An Menschen, die grüßen, wenn Sie einem Fremden begegnen und vielleicht noch ein paar nette Worte über das Wetter sagen. An Menschen, die an der Kasse im Supermarkt nicht hektisch die Schlange wechseln, um einen kleinen Vorteil zu haben, sondern andere vorlassen. An Menschen, die es an den genialen 4-Way-Stop-Kreuzungen tatsächlich schaffen, das Vorfahrtsrecht untereinander zu regeln. Kurzum: An freundlichen, rücksichtsvollen, entspannten Menschen.

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Mir ist klar, dass es auch in Kalifornien sehr viele sehr sehr böse Menschen gibt, viel Gewalt und Kriminalität. Aber das meine ich nicht; mir geht es um den normalen Umgang von normalen Leuten in normalen Situationen. In der Beziehung erscheinen mir die USA analog zu Frank McCourt tatsächlich als ein „rundherum tolles Land“.

Eine der ersten Beobachtungen, die ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland morgens beim Laufen gemacht habe, war, wie sich zwei Hundebesitzerinnen angekeift haben. In dem Moment habe ich in Anlehnung an den alten Beach-Boys-Song gedacht: „I wish we all could be California guys.“

„Jahhaaaa“, sagt der kritische Leser jetzt, „die Amis tun immer so freundlich, aber das ist doch alles total oberflächlich.“ Tja, kann sein, kann auch nicht sein. Aber ehrlich: Ich werde doch lieber oberflächlich freundlich behandelt – als mit total viel Tiefgang angemault.

 

Vier Leben und zwei Gesichter

Du kannst Spagat zwischen Menschen und Dingen
doch sie fressen dich

Es ist ein magischer Moment in der Hamburger Laieszhalle. Akustikkonzert von Axel Bosse, er singt sein Lied „Vier Leben“, ganz leise, ganz eindringlich. Es geht darum, wie wir immer versuchen, alles auf einmal zu machen. Davon, wie wir uns immer selbst überfordern und doch nichts gebacken kriegen. Davon, wie wir uns verzetteln und das Eigentliche nicht mehr sehen.

Du bist hier und überall, doch nie wirklich da, nur überall dabei

Die Fans in der Konzerthalle singen mit. Auch sie ganz eindringlich, aber nicht leise, sondern beeindruckend laut. Es wirkt wie: Wir verstehen dich, Bosse, wir kennen das ganz genau, wir erleben das ganz genauso wie du.

Ich gucke mich um. Viele von denen, die da singen, halten ihre Handys hoch und filmen mit. Sie singen also davon, dass wir uns auf den Moment besinnen sollten, und sie schaffen es selbst nicht mal während dieser drei Minuten siebenundfünfzig.

Ich fand es in dem Moment ein bisschen doof. Und vor allem ganz schön traurig.

Die kursiven Textstellen sind Zitate aus dem Lied „Vier Leben“ von Axel Bosse, erschienen auf dem Album „Kraniche“.