Specknase schmeckt´s nicht

Kleines Verwöhn-Wochenende in schnicken Ostsee-Hotel mit Sterneküche.

Verliebtes Paar ohne Geschmacksverirrung im kerzenlichtbeschienenen Restaurant beim Abendessen. Ach, sind die Menschen hier nett. Oh, ist das hier hübsch eingerichtet. Und diese Karte…

Im Steinofen gebackenes, noch warmes Johannisbeer-Brot mit aus dem Bio-Kräutergarten stammendem Fenchelöl, schwarzem hawaiianischen Meersalz und blühender Kapuzinerkresse gesellen sich auf den Tisch. Weicher warmer Teig zergeht auf der Zunge, perfekter Weißwein spült ihn perfekt gekühlt in den Magen. Gruß aus der Küche: Steinpilzschaum. Aroma zu Heulen gut. Kürbiscarpaccio mit Nelkenessig und geräuchertem Saibling – die Geschmacksnerven drehen durch. Wir sind kaum in der Lage zu essen, wir möchten nur noch schmecken. Leise Chanson-Musik aus dem Lautsprecher. Der wundervollste Ort dieser Welt.

Specknase mit überdekorierter Begleitung betritt den Raum. Ihr Parfum legt den Riechsinn lahm, seine lautstarken Sprüche über unfähige Angestellte zerreißen die Luft. Immerhin schafft Specknase es beiläufig, sein Essen zu ordern und nimmt die gleichen vier Gänge. Wir wundern, staunen, genießen. Er schlürft, schmatzt, schlingt. Trägt so laut schlechte Witze vor, dass wir fast Ohrenschmerzen kriegen. Bestellt drei Mal anderen Wein. Verliebtes Paar versucht es mit voller Konzentration auf die eigene Tischdecke und das, was darauf steht. Parmesan-Grießstrudel mit Rotweinschalotten und Buchenpilzen kommt, dann ein Heilbuttfilet mit Kartoffelkruste zum Niederknien. Zum Schluss Schoko-Sorbet mit flambierten Zwetschen und karamellisierter Ananas-Minz-Creme, Espresso. Vokale Verneigung vor dem bescheidenen Koch. Er läuft vor Freude rot an – und dann zum Nebentisch weiter. „Hat es Ihnen auch gefallen…?“ Specknase räuspert, schnieft, sieht sich Beifall heischend um. „Ach wissen Sie….“, rotzt er dahin und macht eine Kunstpause, um lautstark seine Speisereste aus den Zähnen zu zutschen, „das war nichts Besonderes.“

Ich bin auch der Meinung, dass Restaurant-Angestellte unangenehmen Gästen keine reinhauen sollten. Aber ich wäre sehr dafür, dass man dies den übrigen Besuchern erlaubt!

Rentner im ICE

Kurzer Livebericht aus dem ICE 109 Hamburg-Berlin:

Rentnerinnen-Gruppe hat das Kunststück fertig gebracht, die geschätzten zehn Bahnsteig-Durchsagen zu überhören, dass dieser Zug heute in umgekehrter Wagenreihenfolge unterwegs ist. Jetzt entern die Damen schimpfend Wagen 27 und beschweren sich, dass sie einmal durch den ICE laufen mussten. O-Ton: „Das ist mal wieder typisch Deutsche Bahn.“

Ich packe die kurz vor der Fahrt bei Saturn gekauften schalldichten In-Ear-Kopfhörer aus – die könnten sich in den nächsten anderthalb Stunden schon bezahlt machen.

Jan-Delay-Imitate

Liebe Musikfreunde,

nein, es ist keineswegs originell, mit einem schief aufgesetzten Hut zum Jan-Delay-Konzert zu gehen. Und wenn ihr euch mal umgeschaut hättet, wäre euch das auch selber aufgefallen – weil nämlich geschätzte 2000 Menschen die gleiche lustige Idee hatten.

Das Keine-Ruhe-Abteil

Wenn ich mal richtig was erleben will, Halligalli und Party und volle Action, dann buche ich das Ruheabteil im ICE. Denn mal ehrlich: Nirgendwo sonst ist so viel los.

Das typische Ruheabteil hat immer, und zwar wirklich immer, folgende drei Typen von Fahrgästen an Bord:

1. Das Pärchen. Es tritt in verschiedenen Formen auf: mal zerstritten und kräftig diskutierend, mal verliebt und extrovertiert turtelnd.  Aber immer: laut.

2. Der Geschäftsmann. Sein Verhalten lässt sich gar nicht beschreiben, ohne dass es nach Klischees klingt, aber er erfüllt es trotzdem zu hundert Prozent. Teilt seine am Handy besprochenen Geschäftsgeheimnisse mit dem ganzen Abteil. Und zwar immer: laut.

3. Die Mutter mit dem schreienden Baby. Jajaschongutschongut: Kinder sind das tollste der Welt, unsere Zukunft, sichern unsere Rente, Eltern bekommen Kinder sowieso nur aus edlen Motiven und nie, weil sie es auch selbst ganz schön finden, uns sie verdienen natürlich unser ganzes Mitgefühl und sie haben es sowieso ganz doll schwer. Erstaunlicherweise scheinen sie sich von Ruheabteilen magisch angezogen zu fühlen, und natürlich ist ein schreiendes Kind kein Grund, es zu verlassen. Bitte Sie, das wäre ja kinderfeindlich. Also beschallen diese Familien den kompletten Wagon. Und zwar grundsätzlich: laut.

Leider kann ich diese Felduntersuchung der Ruheabteil-Typen seit kurzem nicht mehr weiterführen, weil ich meine Taktik geändert habe. Wenn ich wirklich mal Stille und Frieden brauche, dann buche ich jetzt immer das Handy-Abteil. Und das ist jetzt wirklich kein Scherz: Da ist es im Normalfall sehr viel ruhiger – als im Keine-Ruhe-Abteil.